Leserbrief vom 15.04.17

Falsche Annahmen, gebrochene Versprechen und echter Lärm!

                                                                                                          Pörtschach am 15.04.2017

Sehr geehrter Herr Urschitz,

ich darf auf Ihren Artikel in der Presse vom 17. März mit der Überschrift „Falsche Prognosen, echte Milliarden“ antworten.

Als betroffener Anrainer und Hotelier beschäftigt mich dieses Thema nahezu 50 Jahre. Wir haben vor ca. 14 Tagen wieder einmal eine Lärmmessungen auf meinem Grundstück, also hinter der Lärmschutzwand durchführen lassen. Das Ergebnis ist niederschmetternd, gerade in den Nachtstunden erreichen die Spitzenwerte über 80 Dezibel, das ist absolut gesundheitsschädigend. Mit dieser Situation müssen wir hier als Anrainer leben und als Hotelbetrieb überleben. Ersteres schadet nachweislich meiner Gesundheit und Zweiteres wird immer schwieriger bis unmöglich.

Ich sehe die Sachlage daher naturgemäß anders, ich weiß dass ich mit diesem Schreiben nicht ihre Meinung ändern werde, doch darf ich Sie ersuchen sich in die Lage der lärmgeplagten und geprellten Anrainer zu versetzten.

Es ist hochgradig unverantwortlich eine HL Strecke zu planen die dann einfach vor einem Siedlungsgebiet mit 200.000 Einwohner stehen bleibt …und auf einer 160 Jahre alten Industrieanlage – Gleisanlage – weiter geführt wird! Man baut doch auch nicht einen Stausee und denkt erst kurz bevor das Wasser die höchste Staumarke erreicht darüber nach, wie man das Wasser abführen wird bzw. wie der Abfluss zu dimensionieren ist!

Im Zuge der Planungen der Baltisch Adriatischen Achse wurde den Wörthersee- Bürgermeistern eine Entlastung der alten Bestandstrecke zugesichert! Dieses Versprechen wurde seitens der Politik, wie so oft gebrochen. Mit dem Stopp der Planungsarbeiten für den Zentralraum Kärntens durch das BMVIT und die beharrliche Weigerung diese Planungen wiederaufzunehmen, begehen die ÖBB & verantwortlichen Politiker permanent Körperverletzung an der Kärntner Bevölkerung und vernichten Wertschöpfung im Tourismus und damit massiv Arbeitsplätze!

Ob nun die Frequenzen in Zukunft steigen oder nicht, werden von sehr vielen Faktoren abhängen. Da braucht nur der Ölpreis wieder anspringen, sich die Weltwirtschaft doch anders entwickeln etc. für so einen langen Zeitraum kann niemand eine seröse Prognose abgeben. Tatsache ist aber, dass es im Gegensatz zu ihrer Darstellung sehr wohl auf allen vergleichbaren Strecken langfristig zu Frequenzsteigerungen gekommen ist. (siehe z.B. Schweiz) Oder siehe Pressemitteilung von CEO Kern vom 26.04.2016: „Der Ausbau der Koralmbahn als Teil der Südbahn und Baltisch Adriatischen Achse sei notwendig, da das Transportvolumina immer grösser werde“. Angebot schafft Nachfrage: Diese „Balitsch- Adriatische Achse“ verbindet 50 Millionen Menschen & Güter, es ist wohl naiv zu glauben, dass dieses neue Angebot ungenützt bleibt. Es ist auch eine Tatsache, dass es derzeit unwirtschaftlich ist, mehr als 800 Tonnen pro Güterzug über den Semmering zu ziehen. Mit der Eröffnung des Semmering Basistunnels gibt es keine hemmende Steigung mehr. Güterzüge im Flachland können bis zu 4.000 Tonnen führen! Es sind dann vielleicht nicht mehr Züge an der Zahl, aber dafür über 1.500 m lange Ungetüme! (siehe dazu Bestrebungen der DB > http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/deutsche-bahn-1500-meter-lange-gueterzuege-12010131.html

Ein weiterer Punkt, der viele Bahnanrainer sauer aufstößt, ist die Ungleichheit in Sachen Lärmschutz. Schauen Sie sich bitte einmal den Lärmschutz bei Neubaustrecken an, z.B.: entlang der eben im Bau befindlichen Koralmbahn-Trasse, gigantische Erdwälle und Einhausungen für kleinste Gemeinden und teilweise leere Wiesen. Die Anrainer der Bestandstrecke hingegen sind dem Lärm nahezu schutzlos ausgeliefert. Denn 80 Dezibel hinter dem Lärmschutz ist kein Lärmschutz. Die Situation wird sich auch nicht mit Schutzmaßnahmen dieser Art in den Griff bekommen lassen, dafür ist der Lärm zu massiv.

Die ASFINAG schützt kleine Orte wie Zedernhaus und Trebesing mit Einhausungen – ich vergönne jedem Einwohner diesen Schutz – aber warum soll der Kärntener Zentralraum ungeschützt bleiben?

Es ist schlichtweg gleichheitswidrig die Anrainer einer Bestandstrecke nicht mit demselben Standard zu schützen, den Anrainer an Neubaustrecken zu Gute kommt. Ich frage mich, ob unsere Gesundheit weniger wert ist?

In diesem Dezember wird die Güterumfahrung von St. Pölten eröffnet: Warum werden die 50.000 Einwohner von St. Pölten geschützt aber die 200.000 Kärntner nicht? Sind wir Steuerzahler zweiter Klasse?

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen! Die Politik ist aber verpflichtet alles zu tun, um ihre Bürger zu schützen, Es ist daher unverantwortlich einfach abzuwarten, nachdem Motto: „Es wird schon nicht so schlimm werden“! Eines ist wohl allen klar, wenn die Verkehrslawine rollt dann braucht es mindestens 20 – 30 Jahre bis eine adäquate Entlastungsstrecke gebaut wird. Bis dahin ist dann diese Region, die einmal eine blühende Tourismusregion mit hoher Wertschöpfung war, tot. Das Sterben einer ganzen Region, sehr geehrter Herr Urschitz, kostet ein Vielfaches eines Tunnels, sein er auch noch so lange.

Lärm ist kein Kavaliersdelikt, Lärm ist Körperverletzung!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und grüße Sie vom Wörthersee.

Christoph Neuscheller

 

Initiativen:

„Rette den Lebensraum Wörthersee“

„Stopp den Bahnlärm“